reisenachgestern3_london
Bild: Der Bahnhof Liverpool Street im ausgehenden 19. Jahrhundert

 

Theodor Fontane schrieb nicht nur „Effi Briest“ oder „Irrungen und Wirrungen“, sondern auch hervorragende Reiseliteratur. In „Ein Sommer in London“ fasste er seine 1852 gemachten Beobachtungen der englischen Hauptstadt zusammen, die zwei Jahre später in Buchform erschienen.


„Der Zauber Londons ist – seine Massenhaftigkeit. Wenn Neapel durch seinen Golf und Himmel, Moskau durch seine funkelnden Kuppeln, Rom durch seine Erinnerungen, Venedig durch den Zauber seiner meerentstiegenen Schönheit wirkt, so ist es beim Anblick Londons das Gefühl des Unendlichen, was uns überwältigt – dasselbe Gefühl, was uns beim ersten Anschauen des Meeres durchschauert. Die überschwängliche Fülle, die unerschöpfliche Masse – das ist die eigentliche Wesenheit, der Charakter Londons. Dieser tritt Einem überall entgegen. Ob man von der Paulskirche, oder der Greenwicher Sternwarte herab seinen Blick auf dies Häusermeer richtet, – ob man die Citystraßen durchwandert und von der Menschenmenge halb mit fortgerissen, den Gedanken nicht unterdrücken kann, jedes Haus sei wohl ein Theater, das eben jetzt seine Zuhörerschwärme wieder in’s Freie strömt, – überall ist es die Zahl, die Menge, die uns Staunen abzwingt. […]

 

Der Tower

Die Sonne lacht und der Himmel ist wolkenlos. Ein Steamer trug uns von Westend bis an die Londonbrücke, und auf gut Glück dem Menschenstrom uns überlassend, der jetzt in die Themsestraße einmündet, befinden wir uns plötzlich inmitten des bunten City-Treibens und schwanken, staunenden Auges, was reicher sei: der blitzende Bazar, von dem wir kommen, oder das rußige Bergwerk, zu dem wir gehen. Ganz London ein goldener Baum: Westend seine Blüte, aber die City – Wurzel und Stamm.

 

Doch wir haben andere Ziele heut als Dock und Speicher, als Keller und Werft, und vorüber an »Billingsgate«, dem weltberühmten Fischmarkt, der mit seinen Austern und Muscheln und all seinem noch kribbelnden Seegewürm: Krabben und Krebse, Lobster und Spinnen – vor uns liegt wie ein trockengelegtes Stück Meer, vorüber auch an Zollhaus und Kohlenbörse, geraten wir jetzt auf einen weiten, freien Platz, der mählich ansteigend einem gepflasterten Hügel gleicht. Auf ihm liegt der »Tower«. Gespenstisch-grau steht er da: ein Grabmonument über einer gestorbenen Zeit und  – die englische Geschichte seine Inschrift.

 

Der Tower ist eine Art Fort, von einem breiten, jetzt ausgetrockneten Graben ringsum eingefaßt, und besteht aus einem bunt zusammengewürfelten Haufen von Wällen und Türmen, deren bedeutendster, der weiße Tower, wiederum eine Zitadelle für sich bildet und isoliert aus der Mitte des geräumigen Festungshofes emporragt. Wie weit der Tower unsern modernen Anforderungen an einen »festen Platz« entspricht, muß ich dahingestellt sein lassen; seine Lage indes, auf einem Hügel inmitten der Stadt und in unmittelbarer Nähe der Themse, darf noch jetzt als überaus günstig bezeichnet werden: er beherrscht Stadt und Strom. […]“

 

Gesamten Text lesen: gutenberg.spiegel.de