Eine Boeing 767 auf der Strecke von Wien nach Frankfurt? Eher ungewöhnlich. Warum die so genannten Widebodies derzeit bei Austrian Airlines auch auf der Kurz- und Mittelstrecke und nicht nur klassisch auf der Langstrecke im Einsatz sind, erzählt uns Helmut Haubenwaller, Kapitän und Flottenchef B767.

 

Eine ungewöhnliche Situation, die auch so manche Passagiere überrascht: Im „großen“ Flugzeug nach Frankfurt. Warum sind die Boeing 767 und 777 derzeit auch auf der Kurz- und Mittelstrecke unterwegs?

Grob zusammengefasst: Aufgrund der Einflottung der Embraer und der damit verbundenen vielen Quer-Schulungen (Kurz-/Mittelstrecke auf Langstrecke und umgekehrt) sind derzeit nicht alle Training- und Überprüfungsflüge im Langstreckennetz darstellbar. Für diese Flüge zählt auch die Anzahl an Legs, daher werden diese teilweise auf Kurzstrecken durchgeführt.

Wie lange finden diese Trainings- und Überprüfungsflüge statt, und was heißt das genau?

Wir werden aus gegenwärtiger Sicht die Widebodies bis ca. Ende 2016 selektiv nach Frankfurt, Mailand, Paris, London, Larnaka, Cairo und Tel Aviv für Trainings- und Überprüfungsflüge einsetzen.

Warum Trainingsflüge: Durch die Einflottung der Embraer werden sehr viele Copiloten von der Boeing 767/777 Flotte nun Kapitän auf der Kurz-/Mittelstrecke, diese müssen ersetzt werden. Zusätzlich fliegt die 767 Flotte analog 777 nun auch Strecken mit „teilverstärkter Besatzung“, zum Beispiel Mauritius, Peking oder Miami. Im Unterschied zum Zwei-Mann-Cockpit benötigt man dabei einen dritten Piloten, der den Kapitän im Reiseflug ersetzen kann. Auch dies generiert Schulungen Richtung 767.

Bei einem Flottenwechsel wird ein Type Conversion Course (Typenberechtigung) durchgeführt. Diese Typenberechtigung dauert ca. 4 Monate und beinhaltet Theorie- und Simulatortraining, aber auch Training im Linieneinsatz. In Zahlen gesprochen, im Halbjahr 1/2016 werden 56 Piloten Richtung 767/777 geschult – bei einem Personalstand von 236 B767/777 Piloten Ende Dezember 2015 eine sehr große Menge. Um diese bewältigen zu können, werden Trainingsflüge nun auch auf der Kurzstrecke durchgeführt. Der Vorteil liegt darin, dass an einem Tag 2 Starts und 2 Landungen (zum Beispiel nach Frankfurt) durchgeführt werden können. Im Vergleich dazu dauert dies bei einem Flug nach Bangkok 4 Einsatztage. Die erforderliche Anzahl an Trainingsflügen kann also in einem kürzeren Zeitraum erfolgen.

Warum Überprüfungsflüge: Jeder Pilot, und damit meine ich Kolleginnen und Kollegen im Cockpit, muss innerhalb eines Jahres 1 Überprüfungsflug im Flugzeug (bestehend aus 2 Legs) absolvieren, wobei der Prüfer als dritter Pilot im Cockpit (am „jump seat“) diesen abnimmt. Wird dieser Überprüfungsflug z.B. nach Frankfurt durchgeführt, benötigt man nur 1 Einsatztag, nach Miami wären es 3-4 Einsatztage und zusätzlich die erforderlichen freien Tage danach. Das heißt, ein Prüfer wäre bei einem Überprüfungsflug nach Miami ca. 7 Tage „im Einsatz“, nach FRA nur 1 Tag. Durch diese Vorgehensweise können mehr Überprüfungsflüge in einem Monat durchgeführt werden.

 

Helmut Haubenwaller, Kapitän, Flottenchef B767

Helmut Haubenwaller, Kapitän, Flottenchef B767

Wer trainiert bei diesen Flügen was?

Jedes Flugzeug hat eigene Verfahren und Prozedere bzw. ein typenspezifisches Flugverhalten bei Start und Landung. Die Anwendung dieser Verfahren bzw. das „Aircraft Handling“  werden von den „neuen“ PilotInnen trainiert.

Wie verlaufen diese Trainings?

Bei Typenberechtigungen müssen mindestens 10 Sektoren (Legs) und 70 Flugstunden mit einem Fluglehrer im jeweils anderen Pilotensitz durchgeführt werden. Das am Simulator Erlernte wird bei diesen Trainingsflügen mit einem Fluglehrer im Linienbetrieb umgesetzt.

Wie viele Personen sind betroffen?

Wir werden im Jahr 2016 bis zu 16 Kurzstreckenflüge per Monat mit 767/777 durchführen. Bei einer gleichmäßigen Verteilung von Trainings- und Überprüfungsflügen wird nahezu jeder Austrian Langstreckenpilot heuer einen Kurzstreckenflug durchführen.

 

Bevor unsere Piloten das neue SWISS Flaggschiff die Boeing 777-300ER fliegen dürfen, durchlaufen sie eine mehrmonatige Umschulung. Dabei werden die Grundlagen zuerst theoretische erarbeitet und im Simulator geübt. Anschliessend folgt die praktische Ausbildung auf dem neuen Flugzeugmuster.

Posted by Swiss International Air Lines on Monday, 30 November 2015

 

Helmut Haubenwaller, Kapitän, Flottenchef B767

Wie lange sind Sie bei Austrian Airlines?
Seit 1989.

Was sind die Besonderheiten der Widebodies?
Die Möglichkeit sehr große Distanzen bewältigen zu können, Flugzeiten jenseits der 10 Stunden.

Worauf muss man achten?
Schlafmanagement aufgrund der Zeitzonenunterschiede ist für PilotInnen auf der Langstrecke ein sehr wichtiges Thema.

Was ist Ihre liebste Strecke?
Ab Sommerflugplan 2016 wird Miami mit einer Boeing 767 geflogen, darauf freue ich mich sehr.